Varanasi – Lächeln, Tod und Chaos

Hoppla, ich bin im Verzug mit meinen Blogartikeln. Da wir aber jetzt beide in Goa ans Bett gefesselt sind (ich mit Fieber und Erkältung, er wieder mit Magen-Darm), hole ich den Bericht über Varanasi nach. Kurz gesagt: Näher waren wir dem „echten“ Indien sicher nie!

Schon die Ankunft in der Stadt war ziemlich spektakulär. Unser Taxifahrer hat uns an einer belebten Kreuzung aussteigen lassen, von der aus wir die letzten Meter zu Fuß zum Hotel gehen mussten. Es war laut, hektisch und völlig chaotisch – kein Vergleich zu allem was ich in Südostasien je gesehen habe! Wir wurden sofort von allen Seiten angesprochen, ob wir ein Hotelzimmer, eine Rikscha oder etwas anderes brauchen. Beim los laufen fiel uns auf, dass die Straßen sehr dunkel waren. Gar nicht so vertrauenseinflößend bei all den anderen Eindrücken… Auch Kühe mitten auf der Straße waren allgegenwärtig. Am Hotel angekommen, erfuhren wir, dass in weiten Teilen der Stadt der Strom ausgefallen war – daher die Dunkelheit. Glücklicherweise in unserem Zimmer zu diesem Zeitpunkt nicht. An gelegentliche Stromausfälle haben wir uns aber seither gewöhnt.

Auch bei Tag fiel auf, dass die Menschen sehr fordernd waren und einem ständig etwas anbieten wollten. Während mich das misstrauisch gemacht hat, war mein Gefährte unbedarft wie eh und je. So war der erste Tag für mich dann auch wirklich sehr stressig. Lärm, Chaos, aufdringliche Menschen, nicht einschätzbare unbekannte Stadt usw. Ich habe aber auch den großen Fehler begangen, nicht an meine 24h-Regel zu denken, nach der ich jeden neuen Ort in den ersten 24h normalerweise nicht besonders gut oder sogar schrecklich finde – was aber überhaupt nichts zu bedeuten hat. Mein Gefährte war begeistert, hat sich mit Menschen auf der Straße unterhalten und war fest davon überzeugt, dass alle nur Gutes im Sinne haben. Nunja, naja, haha. Auch der Spaziergang an den Ghats (Treppen, die zum Fluss Ganges führen und jeweils eigene Namen haben) war nicht ohne für mich. Wir wurden wirklich von jedem angestarrt (weißer Mann mit rotem langen Bart und weiße Frau mit blauen Haaren – quasi Einhörner) und um zig Selfies gebeten. Schließlich waren wir auch am bekanntesten und größten Verbrennungs-Ghat, an dem die Toten kremiert werden.

Wir wussten davon natürlich, aber davor zu stehen war noch mal ganz was anderes. Viele gläubige Hindus kommen nach Varanasi um zu sterben, denn sie glauben, dass, wenn sie in dieser heiligen Stadt sterben und kremiert werden, dann dem Kreislauf der Wiedergeburt entkommen und ins Nirwana übergehen. Somit sind die Verbrennungen 24h am Tag im Gange, auf den Straßen werden immer wieder in Tücher eingewickelte Leichname an uns vorbei getragen und am Verbrennungs-Ghat kann man direkt neben den Stapeln aus Holz stehen, auf denen die Körper verbrannt werden. All das so nahe zu spüren, hat mir zu schaffen gemacht und ich wollte nicht bis ganz in die Nähe der Zeremonien gehen, auch wenn uns versichert wurde, dass das für die Familien okay wäre, solange man keine Fotos macht.
An einem anderen Ghat saßen Priester (jedenfalls sahen sie so aus) und haben vorbeigehenden Passanten Segnungen mit Farbe auf die Stirn gemalt – offensichtlich ohne Kosten. Als wir dann aber an der Reihe waren, hat „unser Priester“ flugs noch zwei Blumenketten geschnappt und eine Zeremonie gestartet, schneller als wir Nein, danke sagen konnten. Für die hastig abgespulte Zeremonie wollte er dann 1000 Rupien – natürlich.
Abends wollten wir an einem Ghat nahe unseres Hotels die tägliche Zeremonie zu Ehren des Flusses Ganges sehen. Ich hatte aber meine Erschöpfung und die Menschenmassen unterschätzt und musste nach einer Weile abbrechen und zurück zum Hotel gehen. Ich war ziemlich kaputt, auf gewisse Weise auch fast enttäuscht von mir und wir einigten uns dann darauf, am nächsten Tag ein bisschen Zeit getrennt zu verbringen, damit ich mehr Energie zum verarbeiten habe und mein Gefährte in seiner Euphorie nicht gebremst wird.

So trennten sich unsere Wege dann an einem Friseurladen, an dem er Bart und Haare trimmen lassen wollte. Ich bin durch die Stadt spaziert und hatte mir vorgenommen, an diesem Tag anders an die Sache heran zu gehen. Den Menschen zu zu lächeln, offen zu sein, Nein zu sagen aber sehr sehr freundlich und immer vom Besten auszugehen. Und ganz langsam und still staunend in meinem Tempo durch die Straße und Gassen zu spazieren. Schön war das. Mein Verstand konnte verarbeiten, ich habe gelächelt und mich immer wohler gefühlt. Die Menschen hier sind zum allergrößten Teil unheimlich freundlich und offen. Auf der Straße wird man angelächelt und nach dem Woher und Wohin gefragt, Komplimente werden verteilt und natürlich wurde ich auch wieder nach Selfies gefragt. Schließlich kam ich allein am kleineren der beiden Verbrennungs-Ghats an und es war an diesem Tag okay, näher heran zu gehen. Es ist so surreal: Kühe spazieren seelenruhig mitten auf der Straße und auch über die Ghats. Ziegen und Straßenhunde springen am Verbrennungs-Ghat herum, suchen nach Knochen, Futter oder knabbern an der Blumendekoration. Menschen sitzen am Rand und sehen der Zeremonie zu, eine Gruppe Frauen weint laut. Unzweifelhaft gehört der Tod hier zum Leben dazu. Mir ist das fremd, aber ich finde vieles daran schön. Zum Beispiel, dass die Angehörigen während der Verbrennung anwesend sind und warten und in dieser Zeit auch gemeinsam trauern. Man reißt sich hier nicht zusammen, andererseits gilt es als große Ehre, in Varanasi zu sterben und verbrannt zu werden.

Nach einer Weile spricht mich ein Mann an, darauf habe ich schon gewartet… Er erzählt mir, dass er am Ghat arbeitet, die Verbrennungsstätten vorbereitet nachts und dass er und seine Familie außerdem Geld sammeln, um auch armen Menschen zu ermöglichen, am Ganges verbrannt zu werden. Wer das Geld für das Holz nicht hat (verschiedene Hölzer kosten unterschiedlich viel Geld), muss sonst nämlich im elektrischen Krematorium verbrannt werden, was jedoch unbedingt vermieden wird aus religiösen Gründen. Er erzählt mir einiges über die Zeremonien und die Vorbereitung und führt mich herum. Ich weiß, er wird mich später um Geld bitten und ich habe mich innerlich darauf vorbereitet. Ob die Geschichte mit dem Sammeln für arme Menschen wahr ist, weiß ich nicht, aber ich gebe ihm 1000 Rupien, denn ich bin dankbar für was er mir erzählt hat.
Ich spaziere weiter und bekomme schließlich eine Nachricht von meinem Gefährten, der wenig glücklich klingt. Ich gehe also zurück zum Friseursalon und da ist quasi Drama. Er hatte vorher nicht nach dem Preis gefragt, wurde damit also komplett abgezockt (30 EUR ist für indische Verhältnisse ein Vermögen) und noch dazu konnte der Friseur offenbar kaum englisch und hat sowohl Haare als auch Bart keineswegs so geschnitten, wie gewünscht. Weil er aber als Engländer mehr als nur höflich ist, hat er nichts gesagt und auch alles über sich ergehen lassen. Er ist furchtbar unglücklich und macht seinem Unmut erst mal eine Weile lang Luft. Wer seinen Bart über so lange Zeit so hegt und pflegt, für den ist sowas eine Katastrophe, das verstehe ich.

Wir spazieren anschließend zusammen weiter und interessanterweise hat sich die Dynamik vom Vortag ins Gegenteil geändert. Während ich zufrieden, entspannt und lächelnd selbstbewusst bin, ist mein Gefährte jetzt verunsichert, gestresst und enttäuscht.
Wir machen schließlich das Beste aus dem Tag und gehen Essen, direkt am Ghat, an dem die Flusszeremonie stattfindet. Und so sehen wir diese an jenem Abend aus luftiger Höhe und gemütlich speisend, völlig stressfrei. Wir sind uns einig, dass wir auf jeden Fall noch eine Nacht länger bleiben wollen, weil wir die Zeit zum Verarbeiten und Kennenlernen der Stadt brauchen.

Tags darauf sind wir lange im Zimmer, diskutieren über Feminismus, Sozialismus und kuscheln. Ich liebe solche Diskussionen, es tut mir aber weh, dass mein Englisch es mir nicht erlaubt, mich ebenso eloquent auszudrücken, wie im Deutschen. Nunja, das wird ja vielleicht noch. Später gehen wir zum Ganges und lassen uns zwei Stunden auf einem Boot auf und ab fahren. Ein wunderschöner und nochmal anderer Blick auf die Ghats, wir lassen eine kleine Opfergabe in den Fluss und sind immer noch fasziniert von der Stadt. Anschließend gehen wir mit Blick auf den Fluss essen. Das dauert länger als geplant, weil zwischendurch ein heftiges Gewitter nieder geht. Als es vorbei ist, spazieren wir nach Hause an unserem letzten Abend in Varanasi.

Am nächsten Morgen geht es per TukTuk zum Flughafen. Der Fahrer will 800 Rupien, mein Gefährte schlägt 700 vor, der Fahrer sagt 750. Ich bestehe auf 700 und das klappt dann auch. Immer noch ist das eine „Abzocke“, wir zahlen Touristenpreise und handeln zu wenig. Andererseits ist es wenig Geld, vor allem geteilt durch zwei und wir fühlen uns ein bisschen schuldig beim harten verhandeln. Der Fahrer hat ohnehin noch einen Trick in petto: Am Flughafen erklärt er uns, das aussteigen lassen direkt an der Tür kostet 100 Rupien extra. Stimmt natürlich nicht, aber wir zahlen.
Kurz gesagt wurde in Varanasi ständig versucht, uns übers Ohr zu hauen und uns Geld zu entlocken – allerdings immer auf eine sehr charmante und freundliche Art. Hätten wir skeptischer, vorsichtiger und härter sein können? Auf jeden Fall. Wir kamen vielleicht zu unvorbereitet und noch dazu sind wir beide großzügige Menschen und mein Gefährte noch dazu extremst höflich.
Die Menschen in Varanasi haben uns aber auch vieles gegeben. Wir wurden ständig angelächelt und bestaunt, uns wurde neugierig und freundlich begegnet. Standen wir irgendwo verloren herum, hat sich schon innerhalb von 10 Sekunden jemand um uns gekümmert und uns geholfen. Wir wurden auf leckeres Streetfood eingeladen und man lachte wohlwollend, als wir begeistert probiert haben. Varanasi war laut, chaotisch und der Tod allgegenwärtig. Trotzdem haben wir uns nie wirklich unsicher gefühlt, haben stets liebe Menschen getroffen und uns schlussendlich mit morbider Faszination ein wenig in die Stadt verliebt. So fordernd die paar Tage waren, so froh bin ich, dass wir hier waren!


Entdecke mehr von Vom weggehen und ankommen

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.


Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert