Munnar – abwarten und Tee trinken

Meine Haare sind jetzt blau, ein Mittagessen mit Rindfleisch hatte fatale Folgen, ab Dienstag habe ich nur noch ein Pferd und heute nehmen wir einen Flug nach Varanasi. Soweit die News 😉

Die Anreise nach Munnar war zwar soweit problemlos, aber trotzdem ganz schön stressig und nicht besonders angenehm. Der erste Teil war noch easy: Der Besitzer unserer letzten Unterkunft hat uns persönlich zum Bahnhof gebracht, der Zug war pünktlich und wir hatten ein Ticket für den Bereich mit Klimaanlage. Zum Landschaft genießen hatten wir dann aber unerwartet wenig Zeit, weil sich jemand zu uns gesetzt hat. Binu ist Inder, lebt aber schon seit mehreren Jahren mit seiner Familie in Kanada und ist sehr interessiert an anderen Menschen. Vor allem aber erzählt er unheimlich gern – im Zuhören ist er nicht ganz so gut. Und so erfuhren wir viel über seine Meinungen und Ansichten, über sein Leben und erzählten auch ein bisschen von uns. Er hatte fast 48 Stunden im Zug vor sich und war traurig, dass wir davon nur 2 mit ihm unterwegs waren – wir hingegen waren ehrlicherweise erleichtert, denn er hat wirklich ohne Pause gesprochen und auch immer unser beider Aufmerksamkeit eingefordert, haha.

Zwischenstopp in Kottayam, wo gerade eine Hitzewelle herrscht. 40 Grad um die Mittagszeit sind kein großer Spaß mit Gepäck und so sind wir nur ein paar Meter zum nächsten Restaurant gelaufen und haben uns dort gestärkt. Anschließend per TukTuk zum Busbahnhof, um heraus zu finden ob unser Bus existiert und ob er auch zur recherchierten Zeit abfährt. Beides wurde vom dortigen Personal bejaht und wir hatten noch Zeit für ein kühles Getränk in einem Café. Da wir aber schon ziemlich lang unterwegs waren, war die Stimmung etwas mau, wenn auch nicht wirklich schlecht.
Gestresst war ich dann, als wir wieder am Busbahnhof waren. Die Busse waren nur in Hindi beschriftet, niemand konnte uns sagen wo unser Bus genau los fahren würde oder wie wir ihn erkennen könnten. Mein Gefährte nimmt solche Situationen immer ziemlich entspannt, für mich ehrlich gesagt manchmal zu entspannt. Da das nämlich der letzte Bus des Tages war, wollte ich ihn keinesfalls verpassen. Schließlich hab ich in meiner Verzweiflung drei indische Mädels angesprochen, mit der Bitte mir zu sagen, welcher Bus nach Munnar fährt. Bei dem herrschenden Chaos und ständig ankommenden und abfahrenden Bussen keine leichte Aufgabe. Ich war mir auch gar nicht sicher, ob sie mich richtig verstanden hatten und gewillt waren, mir zu helfen. Letztlich stand ich also abfahrtbereit mit Rucksack da und sah zu, wie die drei immer wieder ankommende Busse genau unter die Lupe nahmen und mir gelegentlich Blicke zuwarfen. Ich war gestresst und unruhig und sauer, denn gefühlt lag die Verantwortung, den richtigen Bus zu erwischen, komplett bei mir.

Irgendwann gestikulierten die drei Mädels plötzlich wild und winkten und zeigten auf einen der Busse. Ich lief los und yes – es war der richtige Bus! Ich war heilfroh und sehr sehr dankbar für die Hilfe der drei, sie hatten tatsächlich die ganze Zeit für mich nach meinem Bus Ausschau gehalten. Meinem Gefährten haben sie auch Bescheid gesagt netterweise. Platz war Mangelware im Bus und so war es zwar verständlich, dass mein Gefährte sich nicht neben mich gesetzt hat, ich war trotzdem ehrlich gesagt entgeistert und enttäuscht. Wenn ich je über potentiell gefährliche Situationen in Indien gelesen oder gehört habe, dann wurde „neben Fremden in Nachtbussen sitzen“ immer erwähnt… Glücklicherweise setzte sich erstmal eine junge Frau neben mich. Später ein älterer Herr und dann noch einmal eine Frau, die mich schließlich sogar angesprochen und mich zu sich nach Hause eingeladen hat (leider wohnt sie zu weit weg von Munnar). Somit war da auch in Wahrheit keine wie auch immer geartete gefährliche Situation, trotzdem fand ich es unangenehm und nicht besonders entspannt. Der Busfahrer war ralleymäßig unterwegs, nicht nur mit völlig aberwitziger Geschwindigkeit, sondern auch unter ständigem Einsatz seiner Hupe und mit Kamikaze-Überholmanövern. Dankenswerterweise war mein Sitzplatz in Reihe 2 und ich hab versucht, nur aus dem Seitenfenstern zu schauen statt nach vorne. Ich behaupte, es braucht jede Menge Vertrauen und innere Ruhe, nicht in Angstschweiß auszubrechen (und ich halte mich grundsätzlich für eine sehr entspannte Beifahrerin, haha). Unterm Strich konnte ich die Fahrt trotzdem genießen, ich behaupte, Bus fahren in Indien ist einfach ein echtes Erlebnis. Trotz dieser Fahrweise waren wir letztlich um die vier Stunden unterwegs – immerhin großteils im Dunkeln, so dass es nicht mehr ganz so heiß war. Meine Stimmung war am Ende der Fahrt allerdings im Keller. Ich war völlig kaputt von Hitze, Stress und Anspannung, dazu kamen Bauch- und Rückenschmerzen von meiner Regel. Enttäuschung und Ärger taten ihr Übriges, zudem war es in Munnar eiskalt, als wir ankamen. Ein überteuertes TukTuk brachte uns dann in unser Hotel und nach einer heißen Dusche war mir dann immerhin etwas besser. Wir haben dann auch noch über den Verlauf des Tages gesprochen und wir konnten beide los werden, was uns gestört hatte.

In Munnar hatten wir dann eine sehr gemütliche Zeit. Von den angedachten Unternehmungen haben wir so gut wie nichts gemacht, sind damit aber beide auch vollauf zufrieden. Ich bin immer noch völlig überwältigt, wenn ich durch eine Stadt laufe, es gibt einfach so viel zu sehen! Das, zusammen mit der Freundlichkeit der Menschen und der Möglichkeit, dieses Land einfach zu erleben, ist für mich Abenteuer genug. Beim durch die Stadt streifen hab ich dann Haarpflegepulver gefunden, das ich abends ausprobiert hab. Ich wurde vorher gewarnt, dass das üblicherweise zum Färben verwendet wird, aber ich war in abenteuerlicher Stimmung. Hinterher waren meine Haare grün, hehe. Da ich grün nicht ganz so aufregend finde, hab ich mir am nächsten Tag blaue Farbe gekauft und das gefällt mir jetzt tatsächlich sehr gut.

Mein Gefährte hatte dann leider auch etwas Pech, als er mittags Rindfleisch gegessen hatte. Daraufhin war er erstmal 24 Stunden richtig krank und übel beinander. Erinnert sich jemand an mein Gekotze am Zen Beach? Ungefähr so… ich hab mich jedenfalls gekümmert und wir haben einen stay at Home Tag eingelegt. Da es nachmittags immer geregnet hat, war das auch absolut okay. Unser Zimmer hatte eine wunderschöne Aussicht auf die Hügel und es war so herrlich ruhig. Tatsächlich waren nachts nur die Geräusche des Dschungels zu hören, dazu war es angenehm kühl. Ich habe beides sehr sehr genossen! Auch die Teeplantagen fand ich faszinierend, tatsächlich hab ich sowas noch nie vorher gesehen. Preislich war es noch günstiger als in Varkala und die Menschen genauso freundlich und offen. Trotzdem ziehen wir heute weiter nach Varanasi, die spirituelle und religiöse Hochburg Indiens, bevor es zum Abschluss nach Goa geht. Mein Gefährte hat sich heute sehr bemüht, mir mehr abzunehmen bei der Reise Organisation und ich hab versucht, alles ein bisschen entspannter zu nehmen – und genau so funktioniert es dann auch, dass wir trotz anstrengender 12 Stunden Anreise einen guten Tag haben. Ich bin sehr gespannt auf Varanasi, das ich bisher nur von Bildern kenne.

Nun noch die „Randnotizen“. Beim Gedanken an das nach Hause fliegen, kommt immer noch Traurigkeit und Unsicherheit auf. Gefühlt lasse ich vieles zurück, auch wenn ich versuche, mich auf all das Schöne zu fokussieren, das mich zu Hause erwartet. Wie passe ich in das Gefüge, das meine Heimat ist und sich aus der Ferne gerade anfühlt wie ein zu enges Korsett? Wie geht es mit dieser so besonderen Verbindung weiter, wenn uns große Distanzen trennen? Und wen werde ich wann Wiedersehen von all den tollen Menschen, die ich auf meiner Reise getroffen habe? Eine der Ideen, die ich so im Kopf habe, wäre ein Vortrag über meine Reise – mit Bildern und Geschichten. Würdet ihr kommen? 😉

Und dann habe ich noch die Entscheidung getroffen, dass Real, mein Specki, mein lieber alter Freund, mein altes Pferdchen nun ein neues altes Zuhause bekommt. Kerstin, die sich ja schon viele Jahre mit ihrer Familie so so gut um ihn gekümmert hat, übernimmt ihn. Es fühlt sich einerseits komisch an, dass er dann nicht mehr „meiner“ ist. Andererseits vertraue ich niemandem mehr als Kerstin, wenn es darum geht, dass er noch schöne Jahre hat. Ich kann ihn besuchen und in meinem Herzen wird er sowieso immer einen besonderen Platz haben.


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