Ich weiß, ich weiß… Ich bin ganz schön schreibfaul geworden und das liegt nicht etwa daran, dass nichts passiert, es nichts zu erzählen gäbe oder ich keine Lust hätte. Eher ist es so, dass ich die Zeit anders nützen will gerade, denn sie geht dem Ende zu.
Das hab ich zwar wirklich schon ein paar mal gesagt in den letzten Monaten – und dann doch nie eingehalten – aber nun mehren sich die Gründe für einen Heimflug doch sehr. Mein neuer Job, naja. Ende des Geldes, schon eher. Liebste Menschen wieder sehen, jaaaaa. Ausschlaggebend für das Datum ist trotzdem, dass mein Gefährte ab Anfang April anderweitig verplant ist und ich da nicht dazwischen grätschen möchte. Der Gedanke fällt mir so so so schwer gerade, denn ich erlebe jetzt noch einmal eine ganz neue und andere Qualität des Reisens, ja, in Wahrheit lebe ich gerade einen Traum, von dem ich mir nie dachte, dass er einmal so greifbar wird. Da ist jemand, der mich im Arm hält und mir sagt, dass er auf mich aufpasst und sich um mich kümmert – und der genau das auch tut. Jemand, der für mich übernimmt, wenn mir alles zu viel wird. Jemand, der mich lauthals zum Lachen bringt, der mir in die Augen sieht und dabei Schmetterlinge zum flattern bringt, der mir zuhört und mir von sich erzählt, der Rücksicht auf mich nimmt und der mir seine Zuneigung und Wertschätzung immer wieder in schönen und großen Worten und mit kleinen Taten zeigt. Ich spreche nicht von Perfektion, denn wir gehen uns durchaus auch auf die Nerven, aber dieser Mensch vereint verdammt viel von dem, was ich mir immer gewünscht hab. Und wenn es knirscht im zwischenmenschlichen Getriebe, sprechen wir darüber und versuchen Lösungen dafür zu finden.

Kuala Lumpur war unerwartet schön, ziemlich teuer aber faszinierend, einfach und spannend. Wir sind am letzten Abend noch über eine richtig coole Location gestolpert, in der gerade ein Musikfestival stattfand. Zudem ist dort eine riesige Buchhandlung beheimatet, Bars, Restaurants, kleine Shops und Kunstausstellungen. Wir haben dort lange geschmökert, der Musik gelauscht und die Atmosphäre aufgesogen.

Am letzten Tag waren wir dann zum Frühstück im Katzencafe. Das war grundsätzlich ehrlich gesagt nicht besonders schön und sehr schmucklos. Aber die Katzen! Flauschig-niedliche kleine Fellkugeln als Gesellschaft lassen über fast alles hinweg sehen. Ein letzter Stadtbummel durch den botanischen Garten und zufällig gefundene kleine Gassen, noch einmal die unfassbar leckeren Dumplings (tatsächlich lag unser Hotel fast direkt neben einem sehr bekannten Dumpling Restaurant) bevor es zum Flughafen und Richtung Indien ging.











Bargeld, SIM-Karte, Visum, Taxi – alles easy, obwohl es schon weit nach Mitternacht war. Nach dem Check-in im Hotel hatten wir noch Hunger, aber das war nicht mehr so leicht. Ein kleines Kiosk hatte noch offen, aber englisch sprach da niemand. Aber wir haben uns schon daran gewöhnt, oft genug mit Händen und Füßen und Vermutungen zu kommunizieren. Kochi, die Stadt in der wir angekommen sind, hat uns allerdings ziemlich schnell weiterziehen lassen. Luftverschmutzung, krasser Verkehr und Großstadt-Feeling – nein danke. Ich fand es auch extrem schwierig, ständig angestarrt zu werden. Weiße Menschen haben wir fast keine gesehen und Touristen offenbar auch nicht, somit sind wir richtig aufgefallen. Schön war, als wir an einem Abend zufällig über einen Tempel gestolpert sind, den wir uns dann angesehen haben. Ein Stück Frieden inmitten einer lauten Metropole… Positiv aufgefallen sind uns aber dafür auch die unfassbar günstigen Preise und das sehr sehr gute Essen. Für 6 EUR bekommen wir hier zwei frisch gepresste Ananas-Säfte, zwei mal Paneer Butter Masala (eine Art Curry, sehr lecker und viel!) und acht Parotta (ist vielleicht übertrieben, aber halt einfach so so so gut, haha). Eine Taxifahrt von ca. 15 Minuten kostet 1 EUR. Nach zwei eher ereignislosen Tagen in Kochi sind wir also nach Alleppey weiter gereist – mit dem TukTuk. Das war eigentlich eher eine Verlegenheitswahl, weil es doch ziemlich weit war – aber bei 20 EUR für insgesamt 2 Stunden Fahrt kann man nicht meckern. Und wir haben endlich mal was von Indien gesehen. Wie die Menschen leben, welche Pflanzen und Tiere es hier gibt, wie sich das hier anfühlt und wie es aussieht.





In Alleppey hatten wir eine sehr gemütliche und idyllische Unterkunft, in Gehweite zum Strand. Der war aber nicht postkartenmäßig wie in Thailand, sondern eher riesig, überlaufen und mit seltsamen schwarzen Ablagerungen im Sand (es stellte sich heraus, dass diese radioaktiv sind – was bei kurzem Aufenthalt aber okay sein sollte, naja). Die Sonnenuntergänge sind hier auch nicht spektakulär schön, dafür färbt sich der Himmel abends in Zuckerwatten-rosa. Eine spannende Episode war das Aufgeben eines Pakets Richtung England. Man fährt mit dem offenen Paket zur Post, lässt den Inhalt kontrollieren, fährt zu jemandem, der das Paket in Stoff einnäht (!?), kopiert den eigenen Pass und den eines indischen Freundes (in unserem Fall den des TukTuk-Fahrers), zurück zur Post, Dokumente ausfüllen, bezahlen und hoffen. Spannend war das, hehe.
In Kochi fanden wir es noch schwierig, einzuschätzen wie die Menschen drauf sind. Wir wurden angestarrt, aber selten angelächelt. Das typische Kopf“nicken“ verursachte in unseren Köpfen massive Verwirrung, weil unser Verstand einfach nicht kapierte, dass das so ganz anders aussieht als was wir kennen. Wirklich gesprochen haben wir auch mit niemandem. In Alleppey hingegen, einer kleinen Stadt, haben wir angefangen uns wohl zu fühlen.

Am zweiten Tag haben wir einen Bootsausflug in die Backwaters gemacht – ein ganzes Boot für uns allein! Selten hab ich so einen entspannten, schönen Ausflug erlebt und einen Tag so genossen. Manu, unser Kapitän hat uns vieles erzählt und uns ganz gemütlich übers Wasser geschippert. Mittags waren wir in einem kleinen Restaurant am Wasser essen und das war so so gut! Für meinen Gefährten gab es sogar einen frisch gegrillten ganzen Fisch. Kurz nach uns kam dann ein größeres Boot mit einer indischen Reisegruppe, die auch dort eingekehrt sind. Höflich-zurückhaltend haben viele uns gegrüßt, aber sonst nicht weiter beachtet. Nach dem essen allerdings, waren wir plötzlich eine Attraktion! Alle wollten Selfies oder sogar Videos mit uns, wir wurden gefragt woher wir kommen und wie es uns gefällt und Nummern wurden ausgetauscht. Alle waren sehr sehr lustig und nett und wir hatten jede Menge Spaß. Als wir später einen kurzen Spaziergang durch ein Dorf gemacht haben, wurden wir auch dabei immer wieder angelächelt und gegrüßt und haben wunderbaren Chai getrunken. Abends bei einem Spaziergang durch Alleppey haben wir ein Tee-Lokal gefunden, das ganze 51 Sorten anbietet. Zudem wird dort PsyTrance gespielt und die Inhaberin ist super lieb und herzlich. Eine weitere schöne Begegnung in diesem schönen Land…








Die Weiterreise nach Varkala haben wir am nächsten Tag mit dem Zug angetreten und ja, das läuft etwas anders als gewohnt. Die Tickets sind super billig (je 2 EUR für 3 Stunden Fahrt), aber neben saftiger Verspätung war auch bis zuletzt unklar, an welchem Gleis unser Zug abfährt. Zudem war das billige Ticket nur für den Wagen ohne Klimaanlage und zuerst war natürlich kein Fensterplatz frei. Schweigend und schwitzen haben wir also nur gelegentlich etwas von der Landschaft draußen vorbeifliegen gesehen. Nach einer Weile haben wir dann aber Fensterplätze ergattert. Zudem sind wir mit unseren Sitznachbarn ins Gespräch gekommen, haben unsere Süßigkeiten mit ihnen geteilt und wurden dafür auf einen Kaffee eingeladen (selbiger enthält so viel Milch und Zucker, dass sogar ich ihn mag!). Unterm Strich war es also die absolut richtige Entscheidung, Zug zu fahren.
Unsere Unterkunft in Varkala könnte genau so auch auf Koh Phangan stehen. Etwas außerhalb und ruhig gelegen, Hängematten, Yoga, ähnliche Playlists, Katzen und Hunde und liebe entspannte Menschen. Wir wurden gleich am ersten Abend mit an den Strand genommen zu einem Sonnenuntergangs-Spaziergang und ein bisschen plantschen. Aus vier Nächten haben wir schließlich auch fünf gemacht – und das obwohl wir hier nicht viel besichtigt haben. Aber es gibt hier Klippen, über denen Adler und andere Greifvögel kreisen, einsame Strände an denen man durch die Wellen toben kann, Strandcafes und Restaurants und jede Menge freundliche Menschen. Ich hab sogar mitten auf der Straße ein Marwari-Pferd getroffen und streicheln dürfen. Die sind sogar in Indien selten und teuer, umso mehr hab ich mich über die Begegnung gefreut. Wir sind hier endlich mal wieder Roller gefahren, auch wenn der Verkehr wirklich eine Hausnummer ist! Man versucht schon, eine Kollision zu vermeiden, aber es wird von einem erwartet, dass man selbst noch mehr dazu tut. Es wird unfassbar viel gehupt, schnell gefahren, riskant überholt und rücksichtslos agiert. Ich bin einiges gewöhnt, aber das hier finde ich stressig und gefährlich. Nichtsdestotrotz haben wir die Freiheit auf zwei Rädern sehr genossen. Gestern sind wir zum Sonnenuntergang am Meer entlang gefahren, haben unterwegs Chai getrunken und Süßigkeiten probiert, die wir nicht kannten. Wir haben uns Essen nach Hause bestellt oder waren in Lokalen, in denen es keine Speisekarte gab und niemand ein Wort englisch sprach. Wir wurden lachend gegrüßt und uns wurde geholfen, wenn wir uns verfahren hatten. Wir essen zu viele indische Süßigkeiten und Parotta, verbringen halbe Tage im Bett und sehen uns Serien auf Netflix an, streicheln die Ziegen im Garten und genießen die gemeinsame Zeit. Manchmal muss ich mich daran erinnern, dass wir in Indien sind und nicht mehr auf Koh Phangan, weil die letzten drei Wochen so verflogen sind und alles immer noch genau so schön ist. Morgen geht es nach Munnar, in die Berge und der Plan ist, dort Royal Enfields auszuleihen und ein paar Tage auf Motorrädern zu verbringen.










Nach anfänglicher Skepsis hat Indien mein Herz im Sturm erobert. Vieles von dieser Skepsis waren nämlich Horrorgeschichten, die ich mal gehört hatte oder die Sorgen anderer Menschen um mich. Indien ist riesig und ich werde dieses mal nur einen kleinen Teil davon sehen können. Ja, es ist ganz anders als wo ich bisher war und vieles ist anstrengender. Ich falle hier auf, die Menschen sind oft nicht auf Tourismus angewiesen, öffentlicher Verkehr ist Glücksspiel und Stromausfälle an der Tagesordnung. Die Straßen sind voll und laut und gefährlich und alles, wirklich alles ist übermäßig gezuckert. Überall liegt Müll, was sehr schwer zu übersehen ist. Aber andererseits sind die Landschaften oft atemberaubend schön, die Menschen offen, neugierig und freundlich, ich fühle mich sicher und genieße das fantastische Essen und die wirklich billigen Preise. Indien fühlt sich so gut an mittlerweile und ich bin heilfroh über die Entscheidung, hierher gekommen zu sein. Und obwohl ich mich sicher fühle, bin ich unendlich froh über meinen Begleiter. Nach vielen Jahren bin ich mal nicht mehr diejenige, die immer stark sein muss, sich immer um alles kümmern muss, immer alles auffangen muss und die allein die Ideen hat und Entscheidungen trifft. Ich kann schwach, ängstlich, traurig, bedürftig, ratlos und erschöpft sein und dann ist da jemand, der mich in den Arm nimmt und mich ein Stück trägt. Mal hole ich essen oder überrasche ihn mit Frühstück im Bett, mal bleibe ich liegen und bekomme Leckereien serviert. Ich kümmere mich oft um die Navigation, aber wenn ich zu genervt oder müde bin, bitte ich um Ablösung. Wenn ich überfordert und gereizt bin, bin ich einfach ruhig und nehm mir eine Auszeit und genau die bekomme ich dann auch – ohne Drama. Ich liebe es, kleine Aufmerksamkeiten in jeder Form zu schenken und wie sehr diese geschätzt werden und ich bekomme alles doppelt und dreifach zurück. Weil ich eine starke Frau bin, sind Männer wohl oft der Meinung gewesen, ich bräuchte keine starke Schulter. (und ja, ich hab mir das wohl auch oft nicht eingestanden) Und jetzt fühlt es sich an wie Magie, in diesen Armen zu liegen und ins Ohr geflüstert zu bekommen: „I`m here. I`ll keep you safe. I`ll take care of you. I will miss you. You make me feel amazing. You are outstanding and gorgeous and important to me.“ Und dazu blaue Augen, die all das ohne Worte sagen und ich zweifle keine Sekunde an all dem und weiß nicht, wann ich mich zuletzt so sicher, so geborgen, so geliebt, so geschätzt, so am richtigen Ort gefühlt habe. Ich kann alles allein – aber hier und jetzt muss ich es endlich mal nicht mehr allein tun.
Ich habe hier mal geschrieben, dass es nicht wichtig gewesen sein wird, wie lange diese Reise gedauert haben wird. Nun ist es so, dass es nicht so wichtig ist, wo wir sind, solang wir zusammen sind.
Zuhause in meinem Bücherregal stehen Reiseberichte von Menschen, die mit ihren Campern nach Indien gefahren sind und das war mal mein Traum. Mit einem geliebten Menschen Indien im Camper zu bereisen – aber der Camper fehlt mir grad überhaupt nicht.


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